AmbiguitĂ€tstoleranz – Meine Haltung entscheidet!

Mehrdeutigkeiten sind wichtig!

Beitrag von Volkmar Langer

Potenzialentfalter, Coach, Ideen- und Impulsgeber der LCC, liebt den ĂŒberraschenden Perspektivwechsel. Sein Motto: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"
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Lesedauer 5 Minuten

Vielleicht kennst du das: “Letztes Mal haben wir genau besprochen, was der Kollege liefern soll. Doch was ist geschehen? Er hat wieder einmal etwas ganz anderes geliefert. Nun musst ich wieder dafĂŒr sorgen, dass die Sache in Ordnung gebracht wird. Immer dieser Kollege! Das gibtÂŽs doch gar nicht! Was soll ich bloß noch machen?”

Wie fĂŒhlt sich diese Situation fĂŒr dich an? Ist es eine Form der Ohnmacht oder Hilflosigkeit? Ist es Wut oder eher Trauer? Jedenfalls tauchen schlechte GefĂŒhle auf, die deine Stimmung negativ beeinflussen. Du bist im wahrsten Sinne des Wortes „verstimmt“. Ein Zustand, der dir Energie raubt (vgl. Energiebilanz) und dich in deinen Handlungsoptionen weiter einschrĂ€nkt.

Meine Haltung reflektieren

Hast du mal beobachtet, dass deine „Verstimmtheit“ eine Folge deiner auto­matischen Gedanken sein könnte? Wie denkt es dich im Moment? Bist du dir deiner Gedanken bewusst?

Hast du dir jemals bewusst gemacht, dass nicht die Situation selbst zu deiner Verstimmtheit fĂŒhrt, sondern deine Bewertung, also deine Gedanken? Na klar, du kannst dich darĂŒber Ă€rgern und beklagen: „Das darf doch wohl nicht wahr sein. Das gibtÂŽs doch gar nicht!“

Nur mache dir bitte ab jetzt bewusst: „Deine Bewertung und Rechthaberei fĂŒhren zu Deinem eigenen Leid!“

Wie lange willst Du leiden? Wie kommst Du von dieser Ohnmacht wieder in die Eigen-Macht? Wie kommst Du in das Reich der Möglichkeiten, Deine Haltung frei zu wÀhlen? (vgl. dazu Corssen)

AmbiguitĂ€ten – die Sache mit der Mehrdeutigkeit

Deine automatischen Gedanken liefern dir eine Bewertung, die aus einer anderen Perspektive ganz anders ausfallen könnte. Vielleicht hat der Kollege es einfach anders verstanden und deshalb auch nach seinem besten Wissen und Gewissen etwas anderes geliefert. Vielleicht hatten sich zwischenzeitlich aus Sicht des Kollegen die Rahmenbedingungen geĂ€ndert und er hat versucht, das Beste daraus zu machen. Vielleicht 


Wir treffen unsere Entscheidungen und Bewertungen immer aufgrund von begrenzter Information und begrenztem Wissen. Neue Informationen können hinzukommen, die andere Perspektiven oder gar ein Umdenken erforderlich machen. AmbiguitĂ€ten, also Mehrdeutigkeit, Uneindeutigkeit und Unsicherheit gehören zu den Grundaspekten menschlicher Existenz und sind nicht erst ein Produkt der „VUCA-Welt“.

AmbiguitĂ€tstoleranz beschreibt die FĂ€higkeit, mit Mehrdeutigkeit und Ungewissheit konstruktiv umzugehen. Dies setzt jedoch auch die FĂ€higkeit voraus, diese AmbiguitĂ€ten fĂŒr eine gewisse Zeit ertragen zu können (vgl. Stangl, W. (2020)).

AmbiguitĂ€tstoleranz – eine entscheidende ZukunftsfĂ€higkeit

Und genau diese FĂ€higkeit wird in einer zunehmend komplexeren, unsichereren und mehrdeutigeren Welt immer wichtiger. Im Beitrag ĂŒber „Deine Haltung bestimmt deine Energiebilanz und umgekehrt!“ wird deutlich, dass deine Haltung direkt deine mentale Energie bestimmt. Deine mentale Energie bestimmt wesentlich, wie gut du dich verĂ€ndern, anpassen oder lernen kannst. Sie ist lebenswichtig!

Eine weitere Konsequenz von Mehrdeutigkeit besteht darin, dass menschliches Handeln nur in begrenztem Maße planbar und die Folgen niemals genau vorhersehbar sind. Dies gilt sowohl bei individuellen Entscheidungen als auch dort, wo kollektives, soziales und politisches Handeln eine Rolle spielen.

Selbst-Bewusstheit erlangen – Freiheit gewinnen

Um an deiner Mehrdeutigkeitstoleranz zu arbeiten, ist der erste Schritt, dass du dir selbst deines Denkens, FĂŒhlens und Verhaltens bewusst wirst. Allzu oft laufen unser Denken, FĂŒhlen und Verhalten ganz automatisch ab, wie nach dem physikalischen Gesetz Aktion=Reaktion.

Oft geben wir unserem aktuellen Erleben ein und dieselbe Bedeutung. Wir etikettieren dies mit dem Label „Erfahrung“ und sind ebenfalls ganz automatisch nicht bereit, eine neue Erfahrung zu machen. „Soll sich doch der andere endlich anders verhalten!“

Mit Selbst-Bewusstheit ist hier gemeint: Ich bin mir meines Denkens selbst bewusst! Ich beobachte mich beim Denken! Ich bin frei in meiner Bewertung und wÀhle die Option, die mir hilft in eine gehobene Gestimmtheit (vgl. Corssen) zu kom­men.

Meine GefĂŒhle sind dabei der wichtigste innere Feedbackkanal, den ich ab jetzt immer öfter nutzen werde. FĂŒhlt es sich gut an, dann bin ich auf dem rich­tigen Weg! Von einer „Ohnmachtshaltung“ zu einer Haltung der „Eigenmacht“.

Der AmbiguitĂ€tstoleranzreflektomat – Hilfe zur Selbst-Hilfe

Ein kleines Tool, der „AmbiguitĂ€tstoleranz­reflektomat“ (vgl. NeueNarrative) kann dir dabei helfen, deine Mehrdeutigkeitstoleranz zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Es ist eine Form der Introspektive und lĂ€uft folgendermaßen ab:

  1. Nimm eine beliebige Situation, die du als besonders mehrdeutig, komplex und ungewiss wahrnimmst.
  2. Vermerke, wie du auf gedanklicher, verhaltensbezogener und gefĂŒhlsbetonter Ebene auf die Situation reagierst. In der Tabelle findest du einige Beispiele typischer Reaktionen auf diesen drei Ebenen. (Es ist durchaus möglich, auf den drei Ebenen sowohl tolerant als auch intolerant zu reagieren!)
  3. Bist du mit deiner Reaktion auf allen drei Ebenen zufrieden? Welche Reaktion wĂŒrdest du dir stattdessen in dem Dreiklang wĂŒnschen?
  4. Was muss sich an der Situation oben Ă€ndern, um diese Reaktion herbeizufĂŒhren? (LĂ€sst sich KomplexitĂ€t bspw. durch das Einholen weiterer Informationen eingrenzen? Können mehr Ressourcen bereitgestellt werden? LĂ€sst sich die Verantwortung aufteilen oder der Anspruch mindern?)
  5. Welche weiteren Kontext-VerĂ€nderungen (z.B. in deinem unmittelbaren Umfeld) oder persönlichen Entwicklungen wĂŒrden kĂŒnftig deine Reaktion verĂ€ndern? (Rede in deinem Team ĂŒber bestehende Ungewissheit und arbeitet iterativ!)
  6. Wie kannst du ab morgen darauf hinwirken?
Ambiguitaetstoleranzreflektomat

Auf dem Flipchart sind typische Beispiele aus der Praxis zur Verdeutlichung dargestellt.

Eine Anleitung und Vorlage kannst du von unserer Website herunterladen.

Gemeinsam ist es leichter – Leadership Coaching Challenge

Diese Introspektive kannst du jederzeit fĂŒr dich selbst durchfĂŒhren und dabei versuchen, eine fĂŒr dich gĂŒnstigere Perspektive durch ein gelungenes „Re-Framing“ einzunehmen. Einfacher ist es mit einem Buddy, also mit jemandem, dem du vertraust und der dich dabei unterstĂŒtzt, neue Gedanken zu finden.

Um eine grĂ¶ĂŸere Perspektivenvielfalt zu bekommen, empfehle ich dir ein Zirkelformat zu nutzen, so dass du dich mit drei – vier vertrauten Personen in einem geschĂŒtzten Raum austauschen kannst. Unsere Leadership Coaching Challenge nutzt diesen Ansatz nicht nur um unterschiedliche Perspektiven zu erfahren, sondern auch dazu, sich im geschĂŒtzten Raum fĂŒr 12 Wochen gegenseitig mit Hilfe von weiteren Tools und gezielten Fragen zu unterstĂŒtzen.

Fazit

Ein individuelles Ziel könnte darin liegen, deine Haltung zu dem eingangs erwĂ€hnten Kollegen so zu Ă€ndern, dass es sich fĂŒr dich gut anfĂŒhlt, du anschließend eine gelungene Beziehung zu ihm aufbauen und deine Mehrdeutigkeitstoleranz weiter entfalten kannst.

In einer komplexen Gesellschaft und in Anbetracht des raschen technologischen, sozialen und ökologischen Wandels werden unsere Zukunftserwartungen und -planungen zunehmend ungewisser. Damit wir trotz dieser Unvorhersehbarkeit handlungsfÀhig bleiben, ist die persönliche AmbiguitÀtstoleranz eine entscheidende ZukunftsfÀhigkeit.

Weitere Informationen

Wer sich fĂŒr die Leadership Coaching Challenge “Meine Haltung entscheidet!” interessiert, findet hier weitere Informationen. Die 12 Wochen Challenge kann im eigenen Unternehmen oder in einem unternehmensĂŒbergreifenden Circle durchgefĂŒhrt werden. In beiden FĂ€llen ist der geschĂŒtzte Raum des Circles eine Basisvoraussetzung fĂŒr wirksames Peer-Coaching.

Coachify-LCC Meine Haltung entscheidet!

Quellen

Corssen J. und Ehrenschwendner S. (2016), Das Corssen-Prinzip: Die vier Werkzeuge fĂŒr ein freudvolles Leben – Der Graphic Coach zur SelbstentwicklerÂź-Methode – Mit Illustrationen von Florian Mitgutsch [Buch]. – MĂŒnchen : Arkana in der Verlagsgruppe Random House GmbH (eBook), 2016. – 978-3-442-34167-2.

Stangl, W. (2020). Stichwort: ‘AmbiguitĂ€tstoleranz’. Onlinelexikon fĂŒr Psychologie und PĂ€dagogik, https://lexikon.stangl.eu/12220/ambiguitaetstoleranz/, zuletzt abgerufen, 14.09.2021.

Der AmbiguitÀtstoleranzreflektomat, Neue Narrative, Heft #09, Tool Nr. 38, Seite 110. Oder hier als Lernhack von Volkmar Langer.

Bildquellen

Zitathintergrund Canva Pro, Bilder von Volkmar Langer und Getty Images

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